Historismus & Gründerzeit
Das 19. Jahrhundert baut die früheren Stile nach, vom Louis-Philippe der Jahrhundertmitte bis zu Neorenaissance und Neobarock. Für die Möbel nach 1870 sagt man im Handel meist Gründerzeit. Typisch sind Vertikos, Buffets, Bücherschränke und Regulatoren aus Eiche und Nussbaum.
Was Gründerzeit heißt
Den Namen gaben die Jahre nach der Reichsgründung 1871, in denen zahllose Firmen entstanden. Am 9. Mai 1873 brach die Wiener Börse zusammen, im Oktober erreichte die Krise Berlin.1 Der Einrichtungsstil dieser Jahre mit massiven Möbeln und dunklen Täfelungen überdauerte die Krise.2 Im Handel heißen darum die Möbel des späten 19. Jahrhunderts Gründerzeit, oft gleichbedeutend mit Historismus, dem Nachbau früherer Stile von etwa 1830/40 bis 1910/20.3
Im Bestand Paar Gründerzeit-Vitrinenschränke 2.450 € · A1066 Louis-Philippe
Auf das Biedermeier folgt das Louis-Philippe, benannt nach dem französischen Bürgerkönig. Zwischen 1850 und 1870 entstanden in ganz Europa Möbel mit Formen des Rokoko, ruhiger und kleiner als ihre Vorbilder. Maschinen machten das Zuschneiden und Zusammensetzen schneller, und so konnte sich das Bürgertum diese Möbel leisten.4 Geschwungene Möbel der Jahrhundertmitte mit ruhigen Rokokoformen ordnet man deshalb meist dem Louis-Philippe zu.
Im Bestand Louis-Philippe-Vitrine, Bücherschrank 1.200 € · A778 Maschine und Handarbeit
Bis zur Jahrhundertmitte schnitten Maschinen nur Bauholz und Furniere. Den eigentlichen Anstoß für die Tischlereien gab die Abrichte, die man 1876 auf der Weltausstellung in Philadelphia zeigte. 1875 standen in deutschen Tischlereien 928 Kreis- und Bandsägen, 1895 waren es 4.793, und trotzdem arbeiteten 1895 erst 6,8 Prozent aller Tischlereien mit Maschinen.5 Bildschnitzmaschinen ersetzten einen großen Teil der Handschnitzerei. Bei guten Stücken stachen die Schnitzer die feinen Innenkanten von Hand nach, weil die rotierenden Werkzeuge keine scharfen Innenecken schaffen.3 Scharfe Innenecken an einer Schnitzerei zeigen also Handarbeit. Industriell hergestelltes, kreuzweise verleimtes Sperrholz kam erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf.6
Im Bestand Gründerzeit-Bücherschrank, Eiche 400 € · A1047 Qualität erkennen
Wie gut ein Gründerzeitmöbel gearbeitet ist, zeigt der Vergleich seiner Teile. An einem Holsteiner Buffet von 1860 bis 1870 in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten sind die Schnitzereien der Lisenen wesentlich besser ausgeführt als die Flachreliefs der Türen, und die Königsfiguren ähneln eher Spielkartenfiguren als Reliefs der Spätrenaissance. Alle sichtbaren Flächen sind aus massiver, dunkel gebeizter Eiche.7 Auch Firmenschilder brauchen einen zweiten Blick. Die Plakette „Hofmöbelfabrik A. Bembé, Mainz. Gegründet 1780“ bezieht sich auf das Tapezier- und Möbelhandelsgeschäft des Großvaters, in dem noch keine Möbel entstanden. Seine Möbelwerkstatt richtete Anton Bembé erst 1825 ein.8 Ein Gründungsjahr auf dem Firmenschild datiert das Möbel also nicht.
Im Bestand Kleines Gründerzeit-Buffet 1.450 € · A1059 Vertiko, Regulator und Bugholzstuhl
Das Vertiko ist ein Zierschrank mit Aufsatz, entstanden in Berlin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zuerst „Vertikow“ geschrieben. Woher der Name kommt, ist unbekannt.9 Gustav Becker baute ab 1849 in Freiburg in Schlesien Regulatoren mit Arbeitsteilung. 1854 lieferte er die Büro-Uhren für die gesamte preußische Postverwaltung, 1885 überreichte er Bismarck die 500.000. Uhr, und 1899 hieß die Firma Vereinigte Freiburger Uhrenfabriken.10 Becker-Regulatoren sind also Serienware, und der Firmenname auf Werk oder Zifferblatt hilft beim Datieren. Vom Thonet-Stuhl Nr. 14 aus dem Jahr 1859 verkaufte die Firma bis 1930 über 50 Millionen Stück, verschickt in Kisten und erst beim Händler zusammengesetzt.11 Nach Ablauf des Bugholz-Patents 1869 bekam Thonet echte Konkurrenz,12 allen voran J. & J. Kohn. Bugholzstühle ohne Herstellerangabe können deshalb ebenso aus anderen Fabriken stammen.
Im Bestand Gründerzeit-Vertiko mit Galerie 1.200 € · A838 Stilmöbel
Möbel im Barock-, Rokoko- oder Louis-XVI-Stil aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stehen auf dieser Seite. Ab den 1920er Jahren deuteten die Fabriken Rahmen und Füllung oft nur noch durch aufgeleimte Profile auf furnierten Platten an, umleimten die Kanten mit Massivholz und glichen die Hölzer mit einer künstlichen Patina aneinander an.3 Solche späten Stilmöbel bekommen bei uns keine Epoche.
Im Bestand 5 Stühle im Chippendale-Stil 900 € · A1065 Anmerkungen
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Gründerkrach. ↩
- Deutsches Historisches Museum, LeMO: Gründerzeit. ↩
- Art. „Stilmöbel“. In: Wikipedia, abgerufen am 22.10.2026. ↩
- Haaff, Rainer: Louis-Philippe-Möbel. 2004, Verlagstext. ↩
- Zander, Christian: Maschinisierung des Tischlerhandwerks im 19. Jahrhundert. Gedanken zum Vordringen einer neuen Technik. Nach Peter Benje, Die Einführung der maschinellen Holzbearbeitung und ihre Auswirkungen auf Betriebsformen, Produkte und Fertigung im Tischlereigewerbe während des 19. Jahrhunderts in Deutschland, Diss. TU Darmstadt 2001. ↩
- Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum: Inside Out. Einsichten der Möbelkunst. Wandtexte der Ausstellung, Berlin 2018. ↩
- Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg: Buffet, Holstein 1860–1870, Inv. IV 1988. Objektdatenbank museum-digital:brandenburg. ↩
- Stadthistorisches Museum Mainz: Wohnzimmerschrank aus der Mainzer Möbelfabrik Anton Bembé, Inv. 350. Objektdatenbank museum-digital:rheinland-pfalz. ↩
- Pfeifer, Wolfgang: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Art. „Vertiko“. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. ↩
- Bruchmann, Karl G.: Becker, Gustav Johann Eduard. In: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 716. ↩
- Victoria and Albert Museum: Thonet and the Invention of Bentwood Furniture. ↩
- Deutsches Historisches Museum: Biografie „Thonet, Michael und Söhne“. Ausstellung Gründerzeit. ↩
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