Biedermeier

Biedermeier heißen Möbel und Wohnkultur zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der Revolution von 1848. Den Namen bekam die Zeit erst im Nachhinein, nach der Spottfigur Gottlieb Biedermaier aus den Münchner „Fliegenden Blättern“. Biedermeiermöbel aus Birke, Kirsche, Nussbaum und Mahagoni führen wir besonders zahlreich.

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Datierung

Der Stil ist älter als die Epoche. Erste Biedermeiermöbel gab es schon um 1805 an den Höfen, und bis in die 1820er Jahre bauten die Tischler Empire und Biedermeier nebeneinander, Empire für die Repräsentationsräume, Biedermeier für die Wohnräume. Wann der Stil endet, ist in der Fachliteratur umstritten, die Angaben reichen von 1830 bis 1860. Stücke der Jahrhundertmitte, die im Aufbau biedermeierlich bleiben, aber verspielter werden, nennt man Spätbiedermeier. Ein Biedermeiermöbel kann also um 1810 ebenso entstanden sein wie um 1850.1

Sekretär mit Schreibkappe und Schubladen, Mahagoni, Spätbiedermeier, Deutsch, um 1840 Im Bestand Spätbiedermeier-Sekretär, Mahagoni 600 € · A1057

Berliner Möbel in Mecklenburg

Berlin war um 1800 neben Wien das wichtigste Zentrum für gute Möbel in Deutschland.2 Um 1830 gab es dort über 1.000 Tischlerwerkstätten, und der Berliner Möbelhandel lieferte in den ganzen Norden, an die Ostsee, nach Schlesien und Polen.3 In Mecklenburg entstand keine eigene Möbelkunst, weil die Herzöge kaum Aufträge an heimische Tischler vergaben. Der Schweriner Hof kaufte über Hamburg und Berlin.4 Bei guten Biedermeiermöbeln aus mecklenburgischem Altbesitz liegt Berlin oder Hamburg als Herkunft deshalb nahe.

Die Birke kam in Berlin auf, als während der Kontinentalsperre das Mahagoni knapp wurde.2 Für einen Sekretär in guter Mahagoni-Ausführung rechnete man 80 bis 100 Taler, für einen Birkensekretär um die 30 Taler, für ein unfurniertes, gestrichenes Stück ohne Aufsatz 8 bis 10 Taler.3

Die bekanntesten Berliner Werkstätten arbeiteten nach Entwürfen Karl Friedrich Schinkels, vor allem Johann Carl Georg Wanschaff, Christian Sewening und Joseph Schneevogl. Wanschaff war auf feine Einlagen aus Ahorn spezialisiert,5 Sewening bekam aber ebenso viele Aufträge nach Schinkel. Eine helle Ahorneinlage allein reicht für eine Zuschreibung an Wanschaff deshalb nicht aus.6

Biedermeier-Kleiderschrank mit Spitzgiebel, Birke, Berlin um 1830 Im Bestand Biedermeier-Schrank mit Spitzgiebel Auf Anfrage · A1058

Herkunft und Zuschreibung

Signiert sind Biedermeiermöbel nur selten.7 Herkunftsangaben wie „Berlin um 1820“ oder „Thüringen um 1830“ beruhen deshalb meist auf dem Vergleich mit gesicherten Stücken. Aus der Machart allein lässt sich die Region kaum bestimmen, weil das Handwerkswissen überall verbreitet war.8 Auch das Holz ist nur ein Hinweis. Kirschbaum, den man gern dem Süden zuordnet, verarbeiteten die Wiener Tischler um 1825/30 auch für den kaiserlichen Hof.7

Kleine Biedermeier-Salonvitrine, dreiseitig verglast, Ahorn, Thüringen, um 1830 Im Bestand Biedermeier-Salonvitrine, Ahorn 2.250 € · A925

Furnier und Form

Bis um 1800 sind an vielen Möbeln Rahmen und Füllung noch zu sehen. In Berlin furnierten die Tischler dann die ganze Front, später auch Profile, Säulen und gewölbte Flächen. Den Höhepunkt erreichte diese Arbeit Ende der 1820er Jahre. Ein gutes Frontfurnier war gleichmäßig 1,3 mm dünn, Pyramidenmahagoni dünnten sie für gewölbte Flächen bis auf 0,2 mm aus.3 Solche dünnen Furniere gab es erst nach 1820, maschinell gesägt und bald auch geschält. Die stark geschweiften, schwellenden Fronten kommen deshalb erst nach 1830 auf.9

Biedermeier-Sekretär, Mahagoni, um 1850 Im Bestand Biedermeier-Sekretär, Mahagoni 1.500 € · A001

Alter prüfen

Schrauben geben gute Hinweise. Bis etwa 1837 haben Holzschrauben einen von Hand nachgearbeiteten Kopf, oft mit leicht außermittigem Schlitz, und eine stumpfe Spitze.10 Die Schraube mit gedrehter Spitze, wie man sie heute kennt, ließ sich Sloan 1846 in den USA patentieren, in Frankreich fertigte Japy sie ab 1856 (für Deutschland fehlt ein genaues Datum).11 Sitzt eine solche Schraube an einer Originalstelle eines Möbels um 1820, stammt sie von einer späteren Reparatur.

Handarbeit allein beweist dagegen kein frühes Alter. In die Tischlereien kamen Maschinen erst ab 1876, und noch 1895 arbeiteten nur 6,8 Prozent der deutschen Tischlereien mit Maschinen.12 Auch ein Möbel um 1880 kann also ganz von Hand gebaut sein. Kunstharzleim kam erst in den 1930er Jahren auf den Markt, in einer Fuge zeigt er eine spätere Reparatur an.13

Biedermeier-Schrank, Nussbaum furniert, München, um 1820 Im Bestand Biedermeier-Schrank aus München 520 € · A757

Politur und Werkstatt

Biedermeiermöbel sind meist mit Schellack poliert. Die Politur glänzt, bekommt aber leicht Risse und zeigt jeden Makel.3 Weil Schellack sich in Alkohol löst, lässt sich eine alte Politur ausbessern und auffrischen, ohne das Möbel abzuziehen. Das macht unser Tischler in der eigenen Werkstatt, an Stücken aus dem Bestand und an Möbeln, die Kunden zu uns bringen. Unrestaurierte Möbel aus dem Lager richtet er auf Wunsch her.

Paar Biedermeier-Nachtschränke, Kirschbaum furniert, mit Fadeneinlage Im Bestand Paar Biedermeier-Nachtschränke 1.150 € · A971

Anmerkungen

  1. Heise, Katrin: Sächsische und thüringische Biedermeiersekretäre. Weimar: VDG 2001. ↩
  2. Maurer, Golo: Rezension zu Achim Stiegel, Berliner Möbelkunst vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts (München/Berlin 2003). In: sehepunkte 4 (2004), Nr. 3. ↩
  3. Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbemuseum: Inside Out. Einsichten der Möbelkunst. Wandtexte der Ausstellung, Berlin 2018. ↩
  4. Janke, Nico: Möbeltischlerei und höfische Raumausstattungen im (Groß-)Herzogtum Mecklenburg-Schwerin vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Diss. Humboldt-Universität zu Berlin 2018. ↩
  5. Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg: Sofa mit rotem Wollrips, Inv. IV 3487. Objektdatenbank museum-digital:brandenburg. ↩
  6. Lempertz: Auktion 1105, Preußen II. Berlin, 21.04.2018. ↩
  7. MAK Wien: Empire Biedermeier. Objektbeschriftung der Schausammlung. ↩
  8. Heise (wie Anm. 1), S. 8. ↩
  9. Ottomeyer, Hans/Schlapka, Axel: Biedermeier. Interieurs und Möbel. München: Heyne 1991. ↩
  10. White, Christopher: Observations on the Development of Wood Screws in North America. Museum of Fine Arts, Boston, Furniture and Frame Conservation Lab. ↩
  11. Hewertson, Warren: Another Turn of the Wood Screw. In: Tools and Trades History Society, Newsletter 90, 2005. ↩
  12. Zander, Christian: Maschinisierung des Tischlerhandwerks im 19. Jahrhundert. Gedanken zum Vordringen einer neuen Technik. Nach Peter Benje, Die Einführung der maschinellen Holzbearbeitung und ihre Auswirkungen auf Betriebsformen, Produkte und Fertigung im Tischlereigewerbe während des 19. Jahrhunderts in Deutschland, Diss. TU Darmstadt 2001. ↩
  13. Frihart, Charles R./Hunt, Christopher G.: Adhesives with Wood Materials. In: Forest Products Laboratory, Wood Handbook (FPL-GTR-190), Madison 2010, Kap. 10. ↩

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Epochen im Überblick
  1. 1650–1770 Barock & Rokoko 19 Stücke
  2. 1770–1830 Klassizismus & Empire 26 Stücke
  3. 1815–1848 Biedermeier 53 Stücke
  4. 1840–1900 Historismus & Gründerzeit 49 Stücke
  5. 1895–1914 Jugendstil 4 Stücke
  6. 1920–1940 Art Déco 5 Stücke
  7. 1945–1975 Mid-Century Modern 2 Stücke

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