Barock & Rokoko
Barockmöbel haben kräftige Gesimse, Kugelfüße und Schnitzerei, im Norden oft Nussbaumfurnier auf Eiche. Auf dem Land sind sie vor allem als farbig gefasste Bauernmöbel erhalten. Im Rokoko werden die Formen geschweift, und das Muschelwerk hielt sich in der Volkskunst bis um 1800.
Dielenschränke im Norden
Das große Möbel des norddeutschen Barock ist der Dielenschrank. Beim Hamburger Schapp sitzt ein Korpus aus Eiche mit Nussbaumfurnier auf gedrückten, schwarz gebeizten Kugelfüßen, Pilaster gliedern die Front, oben kragt ein mächtiges, reich profiliertes Gesims vor. Schapp ist das niederdeutsche Wort für Schrank. Hamburg steht dabei für den Typ, die Tischler bauten solche Schränke in allen norddeutschen Hansestädten. Ein Schapp aus der Zeit um 1700 im Museum Schloss Neuenburg misst 257 cm in der Höhe.1 Vor dem Kauf lohnt es, die Raumhöhe nachzumessen.
Im Bestand Barockschrank, Nadelholz 3.350 € · A401 Schreibschrank und Kommode
Der Schreibschrank kam Anfang des 18. Jahrhunderts nach Deutschland. Die deutschen Tischler bauten ihn häufiger aus heimischen Hölzern als ihre Kollegen in England oder Frankreich.2 Die aufwendigste Form ist der dreiteilige Tabernakelsekretär à trois corps mit geschweiftem Kommodenteil, darüber einer schrägen Schreibklappe mit kleinen Schüben innen und oben einem Aufsatz mit Mitteltür und seitlichen Schüben.3 Weil die drei Teile getrennt gebaut sind, lohnt bei solchen Möbeln der Vergleich von Hölzern und Bauweise an Aufsatz und Unterteil. Die Kommode setzte sich um 1700 von Frankreich aus durch, im Rokoko bekam sie die gewölbte, bombierte Front.4
Im Bestand Barockkommode, Nussbaum 1.350 € · A409 Régence und Rokoko
Zwischen etwa 1710 und 1730 liegt die Régence, benannt nach der Regentschaft Philipps II. von Orléans. Sie führt schrittweise vom schweren Hochbarock zum Rokoko. Ihr beliebtestes Ornament ist das Bandelwerk, verschlungene Bänder als Einlage, Schnitzerei oder Stuck.5 Im Rokoko bestimmt die Rocaille, das Muschelwerk, den Schmuck. An den Höfen kam sie um 1770/80 aus der Mode, in der Volkskunst hielt sie sich bis etwa 1800, und in Deutschland war sie in allen Schichten verbreitet.6 Ein ländliches Möbel mit Muschelwerk kann deshalb deutlich jünger sein als ein höfisches Stück gleicher Form. Wie eine Rokoko-Vitrine aus dem Neustrelitzer Residenzschloss ihren Weg nahm, erzählt eine eigene Geschichte.
Im Bestand Barocker Spieltisch, Kirschbaum 1.200 € · A843 Gefasste Bauernmöbel
Auf dem Land ersetzte die Malerei Schnitzerei und Einlegearbeit. Der Fassmaler malte Füllungen, Blumen und sogar die Maserung edler Hölzer auf das Nadelholz. Viele dieser Möbel tragen mehrere Fassungen übereinander. Welche Schicht zur Entstehungszeit gehört, klärt erst ein restauratorischer Befund, und auch die älteste gefundene Fassung muss nicht die ursprüngliche sein. Danach kann man eine frühere Fassung freilegen, was viel Zeit und Geld kostet, sie nach Befund neu malen oder den jetzigen Zustand erhalten und ein Fenster auf die älteren Schichten öffnen.7 Beim Abbeizen gehen alle älteren Schichten verloren.
Auch eine aufgemalte Jahreszahl datiert ein Möbel nicht sicher. Bei einer Bauerntruhe des 19. Jahrhunderts auf Burg Mildenstein halten die Fachleute die Jahreszahl 1719 und die Initialen für eine spätere Zutat, die die Truhe älter wirken lassen sollte.8 Unser Tischler versieht Möbel auf Wunsch neu mit einer farbigen Fassung, mit Motiven des Barock oder des Klassizismus und mit Patina. Mehr dazu unter Expertise & Werkstatt.
Im Bestand Süddeutscher Barock-Bauernschrank 1.450 € · A712 Spätere Nachbauten
Barock- und Rokokoformen baute man im 19. Jahrhundert in großer Zahl nach. Das Louis-Philippe griff zwischen 1850 und 1870 die geschwungenen Formen des Rokoko auf, und Maschinen machten diese Möbel für das Bürgertum erschwinglich.9 Solche Stücke führen wir unter Historismus & Gründerzeit. Unter Barock & Rokoko steht nur, was aus der Zeit selbst stammt.
Im Bestand Barocker Schreibsekretär, Obstholz 1.750 € · A1071 Anmerkungen
- Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Museum Schloss Neuenburg: Dielenschrank „Hamburger Schapp“, Norddeutschland um 1690–1710, Inv. MSN-V 4907 E. Objektdatenbank museum-digital:sachsen-anhalt. ↩
- Art. „Schreibschrank“. In: Wikipedia, abgerufen am 22.10.2026. ↩
- Van Ham Kunstauktionen: Barock Tabernakelsekretär à trois corps, um 1750. Katalogtext. ↩
- Art. „Kommode“. In: Wikipedia, abgerufen am 22.10.2026. ↩
- Ketterer Kunst: Kunstlexikon, Art. „Régence“. ↩
- Art. „Rocaille“. In: Wikipedia, abgerufen am 22.10.2026. ↩
- Junken, Andrea: Befundbericht zur Kollektentruhe des Ev.-Luth. Kirchenkreises Hamburg West/Südholstein. Wedel 2021. ↩
- Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen, Burg Mildenstein: Bauerntruhe, 19. Jahrhundert, Inv. Mil_IN_401539. Objektdatenbank museum-digital:sachsen. ↩
- Haaff, Rainer: Louis-Philippe-Möbel. 2004, Verlagstext. ↩
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